Ab jetzt gebe ich nichts mehr her

Unbenanntes_Projekt-5„Es reicht“ denke ich. Die warmen tränen laufen über mein kaltes Gesicht. Meine Schritte beschleunigen sich. Ich manövriere an Menschen vorbei, flüchte vor dem Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos. „Nicht mal in Ruhe heulen kann man!“, schimpfe ich vor mich hin und husche in eine Seitenstraße. Ich wollte eigentlich nur spazieren gehen. Den Kopf frei kriegen. Nachdenken über das, was kommt. Aber ich komme einfach nicht dazu. Ich fühle mich gestört in meinen Gedanken. Von den Menschen, von den Autos, von mir selbst. In der Regel lasse ich diese Gedanken nicht zu, weil sie mich schlichtweg fertig machen. Doch manche Gedanken wollen nicht ziehen, manche gehen dir so lange auf den Sack, bis du ihnen Beachtung schenkst. Also zwingen meine Gedanken mich zum Grübeln. Zum Abwägen der Optionen.

Option A) Ich rufe am Montag in der Klinik an und gebe vor, aus Sorge vor einer Corona-Ansteckung, den geplanten OP Termin am Mittwoch zu canceln. Ich lasse meine Eierstöcke also da wo sie hingehören. Konsequenz: Ich lasse meine Eierstöcke wo sie hingehören, Spritze deren Hormonproduktion jeden Monat auf ein Minimum und zerfleische mich an schlechten Tagen vor Angst, weil dieses Minimum meinen Krebs nähren könnte. Dafür aber gefährde ich meine Gesamtlebensdauer nicht, die bei einer Ovariektomie durchaus leiden könnte. Wenn der Krebs allerdings meine Eierstöcke besiedelt - und das Riskio liegt bei 40% - dann kann ich meine Gesamtlebensdauer an einer Hand abzählen.

Option B) Ich lasse mir am Mittwoch wie geplant meine beiden Eierstöcke entfernen, die daran beteiligt waren, das großartigste in meinem Leben zu erschaffen, fahre die Östrogenproduktion in meinem Körper gen Null und hoffe, dass es das war mit dem Krebs. Konsequenz: zeugungsunfähig, Wechseljahre mit 35, Depressionsschübe, Hitzewallungen, ach ja und Osteoporose-Risiko! Aber das Risiko an Eierstock-Krebs zu erkranken liegt bei Zero Prozent. Das ist ja schon mal was. Es ist stockdunkel. Draußen wie drinnen. „Ich werde es tun“ beschließe ich. „Aber ab jetzt gebe ich nichts mehr von mir her.“, denke ich trotzig und stapfe aus der Sackgasse. 

Und zurück bleibt die Ungewissheit. Das Gefühl die falsche Entscheidung zu treffen. Die Angst zu viel zu opfern. „Nach der Angst ist vor der Angst“ murmle ich in meinen nicht vorhandenen Bart - noch nicht. Aber Sarkasmus beiseite, was ist denn eigentlich, wenn ich keine Eierstöcke mehr habe? Keine weiblichen Geschlechtshormone mehr produziere? Ja, ja, ich weiß schon, die Antwort seht weiter oben. Aber ich meine, was macht das mit mir als Frau? „Es macht dich zu einer stärkeren Frau“, denke ich und gebe mich mit dieser Antwort zufrieden. Oder?

 
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