Kulturelle Aneignung und warum wir ab jetzt keine „Turbane“ mehr verkaufen

Ich muss zugeben, in meiner priviligierten und unwissenden Blase, war mir der Begriff der kulturellen Aneignung zwar nicht neu, aber auseinandergesetzt habe ich mich damit auch nicht. Selbst dann nicht, als eine liebe Followerin uns schrieb, wie wir zu dem Thema stünden. „Also ein Turban ist doch in der Mode nix neues. Genauso wie ein Kimonokragen oder Sari-Rock eben.“, dachte ich salopp. Das mag wohl so stimmen, aber das bedeutet nicht, dass es richtig ist. Turbane tauchen in den verschiedensten Kulturen auf von Asien bis Afrika und haben sehr häufig einen religiösen Hintergrund. Und genau das ist das Problem: ist es richtig, ein Kleidungsstück aus seinem religiösen Kontext zu reißen und unter dem Deckmantel der Mode zu zweckentfremden? Hierzu muss man die Geschichte des Turbans genauer betrachten:

 
Das Wort „Turban“ stammt aus dem persischen und bedeutet soviel wie „Tulpe“ und diese Kopfbedeckung hat eine jahrtausendalte Geschichte. Wir kennen Turbane beispielsweise von nordafrikanischen Nomaden, türkischen Sultanen oder aus Indien. Sie werden wie schon erwähnt aus religiösen Gründen, zum Schutze vor Witterung oder aus dekorativen Gründen getragen. Im (Vor) Islam diente das Tragen des Turbans als Zeichen des Glaubens. In Indien ist das Tragen eines Turbans den Männern vorbehalten und lässt auf Klasse, Kaste, Beruf und religiöse Überzeugung schließen. In Nordafrika werden Turbane beispielsweise von den Tuareg schon seit Jahrzehnten zum Schutz vor Witterung getragen und sind ein Symbol dafür, dass der Träger das Erwachsenenalter erreicht hat. In Westafrika heißen die Turbane „Gele“ und werden von Frauen in den unterschiedlichsten Varianten getragen. Sie dienen dem Transport und haben darüber hinaus auch eine dekorative Funktion. In Nigeria tragen vor allem verheiratete Frauen einen Turban, der sich „Ukyofo“ nennt. In Ostafrika wiederum wird der „Leso“ oder „Khanga“ getragen, der aus farbenfrohem Wachsstoff gefertigt ist. In Asien kommen Turbane in Südwest-China, Vietnam oder Thailand vor. Auch in Europa wurden seit dem Frühmittelalter Turbane getragen. In der Renaissance waren Turbane zum Beispiel in Italien, England, Irland und Frankreich verbreitet. Viele bedeutende Maler, wie Jan Vermeer (Mädchen mit Turban) oder Albrecht Dürer stellten den sogenannten „Kopfbund“ in ihren Werken dar. Eine große Renaissance erlebte der Turban in Europa dann in den 20er Jahren. Nun wurden diese aber vernäht verkauft und waren vielmehr Hut als gebundenes Tuch. Man zelebrierte die Befreiung von viktorianischen Zwängen.

 Kulturelle Aneignung ist immer dann verwerflich, wenn eine dominante (häufig priviligierte, weiße) Gruppe sich an einer diskriminierten und unterdrückten Kultur bereichert und für den eigenen (finanziellen) Erfolg missbraucht. Im Falle der Turbane ist die Sachlage nicht eindeutig, da dieses Kleidungsstück auf der ganzen Welt verbreitet ist und das Tragen die unterschiedlichsten Bedeutungen hat. Dennoch sehen wir den tief verwurzelten, religiösen Ursprung und haben uns aus Respekt dazu entschlossen, vom Wort „Turban“ Abstand zu nehmen. Außerdem haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die vielen verschiedenen Kulturen und Trägerinnen in unserer Brand zu vereinen und abzubilden. Zweifellos polarisiert das Thema und muss ständig sensibel hinterfragt werden. Wie ist deine Meinung dazu?

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